Rückschau 06/11: Grimme Online, Facebook, Hackerangriffe

Mit dem Monatsrückblick führe ich hier eine neue Kategorie ein. Häufig begegnen mir Meldungen, Nachrichten oder Links, die erwähnenswert wären, es aber nicht bis zu einem eigenen Artikel schaffen oder erst einen entsprechenden Kontext benötigen. Diesen Monat mit dabei: Handydaten, Hackerangriffe, BILD, Facebook und die Verleihung des Grimme Online Awards. Die Auswahl ist subjektiv und somit zwangsläufig unvollständig. Wer eine wichtige Meldung vermisst, kann sie aber gerne in den Kommentaren ergänzen. Linktipps für den laufenden Monat können am besten per Mail eingereicht werden.

Der Juni 2011 begann mit einem bedeutsamen, wenn auch weitgehend unbemerkten Ereignis: die Veröffentlichung des ersten Artikels auf winnyswelt.de (mit vielen Dank an Big Al für den ersten Kommentar).

Aber auch andere konnten feiern: die „Bild”-Redakteure Nikolaus Blome und Paul Ronzheimer wurden mit dem Herbert-Quandt-Preis für die Serie „Geheimakte Griechenland“ ausgezeichnet, Allerdings fällt das Gratulieren etwas schwer, wenn man den Kontext der Berichterstattung betrachtet: Bild hatte über Wochen hinweg eine Kampagne gegen Griechenland geführt und – wie Michael Spreng schreibt – dabei versucht, „die Leser gegen die Griechen in einer Form aufzuwiegeln, die an Volksverhetzung grenzte

Stattdessen gratuliere ich lieber Udo Vetter aufrichtig zum Grimme Online Award 2011 für das von ihm betriebene lawblog. Ebenfalls ausgezeichnet wurde das Guttenplag Wiki, das Neusprechblog, Prison Valley, das Reise Blog Reisedepesche, die Kinderwebseite Wortwuselwelt, GameOne, DRadio Wissen sowie der Beitrag „was Vorratsdaten über uns verraten“ auf ZEIT-Online, in dem anhand der gespeicherten Handydaten des Grünenpolitikers Malte Spitz aufgezeigt wurde, wie sich diese für die Erstellung von Bewegungs- und Personenprofile nutzen lassen.

Was für Datenschützer ein Horrorszenario ist, scheint für Strafverfolgungsbehörden das Schlaraffenland zu sein: In Dresden hatte die Polizei über eine Million Handydaten erfasst und ausgewertet, wobei sowohl die Rechtmäßigkeit als auch die Verhältnismäßigkeit diese Aktion angezweifelt wird. Als erste Folge musste der Dresdener Polizeipräsident nun seinen Posten räumen. Mehr dazu von Grimme Online Award Preisträger Udo Vetter.

Nicht mehr ganz neu ist der Hinweis auf die Umstellung des Internetprotokolls von IPv4 zu IPv6, um in Zukunft genügend Internetadressen für im Netz eingewählte Geräte vergeben zu können. Bis auf einige ältere Geräte scheint dieses technisch mehr oder wenig unproblematisch zu sein. Bedenken gibt es aber auch hier von Datenschützern: Bisher war es nämlich so, dass Internetadressen für private Nutzer meist dynamisch vergeben wurden, d.h. das der Provider bei jeder Einwahl eines Kunden eine neue IP-Adresse vergeben hat. Durch das neue Verfahren stehen nun aber ca. 340 Sextillionen mögliche Adressen zur Verfügung, so dass es auch möglich wäre, jedem Endgerät – also PC, Notebook, IPad, Handy, ans Netz angeschlossene Küchengeräte, etc. – mit einer dauerhaften IP-Adresse auszustatten. Diese sind aber von Webseitenbetreibern einsehbar, so dass Besucher von diesen wiedererkannt und entsprechende Bewegungsprofile im Internet erstellt werden könnten.

Um Datenschutz ging es auch bei der Meldung zur Gesichtererkennung bei Facebook: Diese erkennt automatisch Personen auf hochgeladenen Fotos und verlinkt sie mit den entsprechenden Benutzerprofilen. Im meinem Blogbeitrag hatte ich diese Meldung bereits als Einstieg genutzt, um auf freigiebigen Umgang mit persönlichen Daten in sozialen Netzwerken hinzuweisen. Ein Kritikpunkt war, dass Facebook-Nutzer meist nicht nach verschiedenen Freundeskreisen unterscheiden und so private Informationen und Pinnwandeinträge immer gleich alle Facebook-Freunde erreichen. Facebook bietet zwar die Möglichkeit an, die Freunde in Gruppen zu unterteilen, dieses ist aber eher umständlich.

Drei Wochen später erscheint die Meldung, dass Google versucht, mit einem eigenen sozialen Netzwerk dem Marktführer Facebook (erneut) Konkurrenz zu machen. Laut tagesschau.de liegt ein Vorteil von Google+ (so der Name des Netzwerkes) „den Entwicklern zufolge darin, dass die Nutzer mit der Funktion “Circles” (Kreise) Informationen auch nur mit einem Teil ihrer Online-Bekanntschaften teilen können.“ Dieses soll sehr viel einfacher sein als bei Facebook.

Hier könnte Facebook sicherlich noch etwas lernen und vielleicht ließe sich bei einfacheren Sicherheitseinstellungen auch die ein oder andere Facebook-Party verhindern. Öffentlich gepostete Einladungen zu privaten Partys hatten wiederholt mehrere hundert „Gäste“ beschert, so dass die spontanen Großveranstaltungen das Eingreifen der Polizei und der Ordnungsämter erforderten. In der aktuellen Diskussion forderten nun einige Landesinnenminister reflexartig ein Verbot solcher Partys. Spannender dürfte aber die Rolle der Medien bei diesem Phänomen sein: So hatte u.a. Bild mehrfach über Ankündigungen zu Facebook-Partys unter Nennung von Datum, Zeit und Ort der Feier berichtet und so wesentlich zur Bekanntheit des Aufrufs beigetragen.

Wer übrigens selber keine Freunde hat, kann sich nun für seine Internetseite zumindest ein paar „Sklaven“ halten: Fanslave (dt. Fan-Sklave) heißt die Firma, die Facebook Fans gegen Geld vermittelt. Die Preise für einen Fan (= Facebook-User, der den „Gefällt-mir“ Button auf einer Webseite klickt) variieren je nach Paket zwischen 5 und 39 Cent. Im MDR-Artikel gelten die gekauften Fans allerdings als Zombies, weil durch ihre Klicks zwar der Eindruck erweckt wird, die Seite sei stark frequentiert, eine echte Kommunikation, etwa über die Kommentare, findet aber statt.

Was immer das Gegenteil von „Zombies“ ist, in Island gibt es sie: Die Isländer arbeiten dort nämlich via Facebook an der neuen Verfassung mit. Regierungsunabhängige Volksvertreter in der Verfassungskommission prüfen Kommentare und erarbeiten daraus Textvorschläge. O-Ton einer Isländerin: „Die Menschen haben sich nach der Bankenkrise ohnmächtig gefühlt. Wir konnten zwar demonstrieren, um zu sagen, was wir nicht wollen, aber jetzt können wir sagen, was wir wollen. Das ist positiver.“

Noch mehr Meldung als über Facebook gab es im Juni nur über Datenlecks und Hacker. Google enttarnte einen Angriff auf GMail. Sony, SEGA, die US-Bank Citigroup, der International Währungsfon (IWF) und ein Online-Bücherladen der NATO wurden Opfer von Hackerattacken und auch die Schufa-Daten scheinen unzureichend gesichert zu sein. Während die EU eine Sondereinheit einrichten und die Strafen fürs Hacken erhöhen will, droht die USA mit Militäreinsätzen als Reaktion auf Cyberterrorismus. Zweieinhalb Wochen später wird Barack Obama für Tod erklärt. Die Hackergruppe Scriptkiddies hatte das Twitterkonto von Fox-News zur Verbreitung folgender Falschmeldung genutzt: „Präsident Barack Obama ermordet, zwei Schusswunden waren zu viel für ihn. Es ist ein trauriger 4. Juli.“

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Nachtrag (16.07.2011): Zeit-Online hat die Privatssphäreneinstellungen von Google+ und Facebook einmal gegenübergestellt. Fazit: “Im Prinzip ist auch bei Google+ fast alles erst einmal offen. Allerdings weist das Netzwerk bei jeder Änderung den Weg, um diesen Fakt zu ändern.” Mit Dank an Uta aus den Kommentaren.

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2 Responses to Rückschau 06/11: Grimme Online, Facebook, Hackerangriffe

  1. Big Al says:

    Einige interessante Links hast du dabei, Winny.
    Werde mich da mal in aller Ruhe durcharbeiten.
    Schlimm finde ich allerdings nach deinem Monatsrückblick was ich alles schon wieder vergessen habe bzw. was da so einfach an mir vorbeigerauscht ist.
    Viele Grüße von B.(ig) A.(l)

  2. welle says:

    Islands Idee finde ich gut – das sollten Sie hier auch mal einführen!

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